Loach-Journal

Fachzeitschrift über den britischen Filmemacher Ken Loach

Jedem sein Kino – und Loach seine Ideale!

von Boris Rozanski • 18. November 2009 • Kategorie: Segment: Happy Ending (2007), Volltext-EssaysArtikel im .pdf-Format anzeigenArtikel ausdruckenPermalink • 43 views

Ken Loachs Beitrag „Happy Ending“ zu Chacun son Cinéma – eine Randnotiz

Vater und Sohn betreten gemeinsam ein Kino. Das Programm ist jedoch weder ansprechend noch unterhaltsam, sondern platt und geschmacklos. Die Entscheidung für eines der Angebote fällt dem Gespann unweigerlich schwer. Die Schlange an der Kinokasse wird langsam unruhig und einzelne Kinogänger, die nicht mehr auf einen Entschluss der beiden warten wollen, machen ihrem Ärger Luft. Von alldem unbeirrt debattieren Vater und Sohn jedoch weiter, bis – schließlich an der Kasse angekommen und keinen Deut schlauer – sie sich dazu entschließen, ein Fußballspiel anzuschauen, anstatt ins Kino zu gehen.

Der 2007 anlässlich des sechzigjährigen Jubiläums des Filmfestivals von Cannes erschienene Omnibusfilm Chacun son Cinéma entstand unter Mitwirken 33 renommierter Regisseure. Ken Loachs Beitrag konzentriert das filmische Universum des britischen Regisseurs. Nicht nur finden innerhalb kurzer Zeit Kritik an kontemporärer Kinokultur und Lob der moralischen Funktion des Fußballs ihren Platz, sondern darüber hinaus werden das Kino als potentieller Raum sozialer Auseinandersetzung und demokratischer Diskussion thematisiert.

Drei Minuten Zeit bieten sich dem Filmemacher, um dem Publikum „sein Kino“ zu zeigen, und Loach schafft es, sein persönliches Schaffen noch einmal zu komprimieren. Am Anfang steht die ideale weil gleichberechtigte Auseinandersetzung über die gemeinsamen Pläne der beiden Kinogänger. Gegen Angriffe auf ihre Gemeinschaft von Außen verbünden sich die zwei Familienmitglieder vorbildlich und am Ende steht zumindest keine inhaltliche Synthese, sondern – durch das Mittelmaß des kulturellen Angebots erzwungen – eine Alternative: der Fußball.

Wenn Vater und Sohn gemeinsam das Kino verlassen, noch einmal den nörgelnden Gast hinter ihnen anpöbeln und schließlich, von aus dem Off eingespielten Fangesängen angespornt, zusammen Papierkugeln auf den Straßen der Großstadt einander zuspielen, offenbart sich Loachs Idealvorstellung einer Gesellschaft, deren Kern die glückliche Familie bilden sollte. Dass sich dieses Ideal zum Teil leider weit von den realen Gegebenheiten entfernt befindet, wird bereits bei einem Blick auf Loachs umfangreiches Œuvre deutlich. Nichtsdestotrotz offenbart „Happy Ending“ den Idealisten Ken Loach, dessen optimistische Weltsicht hier – nicht zum ersten Mal – klar hervortritt.

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Boris Rozanski, geboren 1985, ist Mitglied der Chefredaktion des Loach-Journals. Er studiert Neuere Deutsche Literatur- und Medienwissenschaft, Anglistik, Romanistik und Kulturmanagement an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Er hat an verschiedenen Kurzfilmprojekten mitgewirkt, am Theater gearbeitet und zwischenzeitlich an der Università degli studi di Roma "La Sapienza" studiert. Außerdem ist er im Moment als Redakteur für die unabhängige Hochschulzeitung "Der Albrecht" tätig.
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