Loach-Journal

Fachzeitschrift über den britischen Filmemacher Ken Loach

Schläge, Küsse, Schläge – eine psychologische Sicht auf das Thema der Jugendkriminalität in „Sweet Sixteen“

von Kilian Haller • 7. September 2009 • Kategorie: Sweet Sixteen (2002), Volltext-Essays Artikel im .pdf-Format anzeigenArtikel ausdruckenPermalink • 196 views

Einleitung

Die psychoanalytische Theorie erzeugt — wie bei so vielen Kunstwerken — auch in der Anwendung auf Ken Loachs Film Sweet Sixteen (Großbritannien / Deutschland / Spanien 2002) deutliche Resonanzen: Liams Kampf gegen seinen Stiefvater um die Liebe der Mutter lässt sich leicht als Variante des Ödipuskomplexes markieren. Interessantere, weil recht spezifische Übereinstimmungen drängen sich aber dem Zuschauer auf, der mit einer Studie jüngeren Datums vertraut ist. 1993 veröffentlichte Terrie E. Moffitts „ihre klassisch[e]Studie“[1] zu lebenslänglichem und auf die Adoleszenzphase beschränktem antisozialen Verhalten. Die britische Psychologin unterscheidet zwischen zwei Typen: Die einen zeigen ihr Leben lang delinquentes, also antisoziales, z.B. gewalttätiges Verhalten, die anderen nur in der Adoleszenzphase, also etwa zwischen 12 und 20 Jahren. In der vorliegenden Arbeit versuche ich nachzuweisen, dass diese beiden Theorien einen Mehrwert für die Analyse des Films bedeuten, weil sich einige ihrer wesentlichen Konzepte aus das jeweilige Figurenpersonal projizieren lassen. So soll zunächst Liams Ödipuskomplex untersucht werden; anschließend zeige ich, dass Liam der Gruppe der ‘adolescence-limited delinquents’ zuordnen lässt: Ein Grund für sein Fehlverhalten ist die Nachahmung des notorisch-straffälligen Stiefvaters. Falls dem Leser die Filmhandlung nicht bekannt ist, empfehle ich, zunächst die in diesem Journal veröffentlichte Synopsis zu lesen.

Psychoanalytische Theorie: Der Ödipuskomplex
Nach Freud verliebt sich jeder Junge in einer bestimmten Phase des Kleinkindalters (mit vier bis fünf Jahren) in seine Mutter und empfindet dabei die Anwesenheit des Vaters als störend, den Erzeuger als Rivalen. Diese Phase bezeichnete Freud als ‘phallische Phase’, weil der Junge hier die stimulierenden Möglichkeiten seines Penisses entdeckt. Gleichwohl entsteht durch den Konflikt mit dem Vater die Angst, der körperlich überlegene Rivale könne den eigenen Penis abschneiden.[2] Normalerweise entdeckt der Junge schließlich, dass es sinnvoll ist, die Dinge erstmal genauso wie der Vater anzugehen, akzeptiert ihn als Vorbild und entwickelt das Über-Ich — einen Container von gesellschaftlich bestimmten Werten und Normen in der Persönlichkeitsstruktur der Freud’schen Theorie. In Sweet Sixteen nun wird dieses Modell variiert, schließlich ist Liam nicht mehr im Kleinkindalter, sondern steht kurz vor seinem 16. Geburtstag. Trotzdem ist die Liebe zu seiner Mutter so intensiv, dass sie seine wesentlichen Handlungen motiviert; der Hass gegenüber seinem (Stief-)Vater so stark, dass er ihn mit dem Messer verletzt.[3] Hier lässt sich die psychoanalytische Theorie mustergültig ansetzen: Weil Liam den Ödipuskomplex nicht in der phallischen Phase lösen konnte — im Waisenhaus fehlte es ihm an einem väterlichen Vorbild zur ‘Identifikation’ — taucht die Problematik nach der ‘Latenzzeit’ in der Pubertät wieder auf. Er will die Mutter nur für sich haben, obwohl er sich für gleichaltrige Mädchen interessieren sollte. Einerseits tut er das, wenn er Susan, eine Freundin seiner Schwester Chantelle, gemeinsam mit seinen Kumpels vom Fenster aus „abcheckt“. Andererseits entwickelt sich keine Beziehung zwischen den beiden, weil Liam nur auf die Aufgabe fokussiert ist, eine Wohnung für sich und seine Mutter zu organisieren. Liams Erfolg als Drogendealer offenbart dann auch ein Konfliktpotenzial zwischen ihm und Susan:

„Susan: How are you going to get that money?
Liam: I’m a businessman.
Susan: Doing what?
Liam: I just got a deal. We’re going to get vanloads of fags.
Susan: Fags will get that?
Liam: It’s got us this far.“ (00:36:51 bis 00:37:02)[4]

Der Film deutet an, dass eine Beziehung zu Susan gut für Liam wäre und helfen könnte, seinen Komplex zu lösen. Susan hat wie Liams Schwester Chantelle den Kurs absolviert, der ihnen eine Anstellung im Call-Center ermöglicht; eine Option, die Chantelle auch Liam unterbreitet. Aus Freud’scher Sicht ist es die schnelle Triebbefriedigung, die Liam zum Dealen bringt. Das Ziel, bis zu ihrer Entlassung aus dem Gefängnis Wohnung und Unterhalt für seine Mutter zu beschaffen, kann er nur über den Drogenverkauf erreichen.[5]

Loach und sein Drehbuchautor Paul Laverty scheinen bewusst mit der psychoanalytischen Theorie zu spielen:[6] Wo nämlich in der normalen Entwicklung schließlich die Identifikation mit dem Vater zur Lösung des Konflikts führt, verschärft sich Liams Situation gerade dadurch. Die Werte und Normen, die Liam von Stan übernehmen kann, sind nämlich alles andere als sozial akzeptiert: Wie der Großvater und der Stiefvater beginnt auch Liam mit dem Drogenverkauf. Das Paradoxe daran ist, dass Liam ja gerade dieser Welt des Verbrechens und der Gewalt zu entkommen versucht. Von einer echten Identifikation im Freud’schen Sinne kann hier demnach auch nicht gesprochen werden: Es sind lediglich die illegalen Mittel und ihr skrupelloser Einsatz, die der Jugendliche aus dem Elternhaus adaptiert, keine grundlegenden Werte. Liams Rebellion ist schließlich ein wiederholtes Aufglimmen eines ungelösten Konflikts aus dem Kleinkindalter.

Als Vaterfigur akzeptiert Liam dagegen den Drogenboss Douglas. Im Gegensatz zu Stan erfüllt er Liams Ansprüche an Intelligenz und unternehmerische Effizienz. Den Auftrag, einen anderen Mann mit dem Messer umzubringen, erteilt er Liam, um sich dessen Loyalität zu versichern; weiterhin übt Douglas Gewalt nicht explizit aus. Gleichzeitig offeriert er Liam bei der anschließenden Feier ein soziales Gefüge, das dem einer Familie ähnelt und für Liam zum Ersatz wird: Wo Douglas die Vaterrolle einnimmt, fungiert seine rechte Hand Tony wie ein älterer Bruder. Als Jean aus dem Gefängnis entlassen wird, hilft Tony scheinbar uneigennützig bei dieser privaten Angelegenheit, indem er darauf achtet, dass Stan dem ersten Wiedersehen von Sohn und Mutter in Freiheit nicht in die Quere kommt. Douglas interessiert sich für die Probleme seines Protegés; so kümmert er sich um eine neue Wohnung, nachdem der Wohnwagen abgebrannt ist.

Obwohl in der wissenschaftlichen Rezeption häufig kritisiert, ergibt die psychoanalytische Theorie bei der Anwendung auf literarische und filmische Texte häufig interessante und die Analyse bereichernde Kohärenzen und Differenzen. Im Falle von Sweet Sixteen legt die Untersuchung unter psychoanalytischen Gesichtspunkten den Schluss nahe, dass Liam unter den Folgen eines verschleppten Ödipuskomplexes leidet, was der Gangster Douglas auszunutzen versucht.

Terrie E. Moffitts Unterscheidung von ‘Adolescence-Limited and Life-Course-Persistent Antisocial Behavior’

Ein anderer — ebenfalls aus der Psychologie gewonnener — Ansatz, Liams Geschichte zu analysieren, basiert auf Terrie E. Moffitts Artikel „Adolescence-Limited and Life-Course-Persistent Antisocial Behavior: A Development Taxonomy.“[7] Darin stellt die Psychologin fest, dass antisoziales Verhalten einerseits eine bemerkenswerte Kontinuität über das Alter zeigt, sich andererseits aber bei Jugendlichen in der Adoleszenzphase um fast das 10fache steigert. Dies führt Moffitt dazu, Straftäter in zwei Klassen einzuteilen: Eine kleine Gruppe zeigt im Lauf ihres Lebens immer wieder delinquentes Verhalten verschiedener Arten; als Ursache nennt Moffitt dafür neuropsychologische Probleme, die kumulierend mit einer kriminalitätsaffinen Umwelt zusammen wirken. Die andere, wesentlich größere Gruppe verhält sich dagegen nur in einem Lebensabschnitt, nämlich der Adoleszenzphase, antisozial. Die Hauptmotivation dieser Gruppe erklärt Moffitt folgendermaßen: Während die biologische Reife des Menschen im Lauf der Jahrhunderte immer schneller abgeschlossen wird, erfährt die soziale Reife immer längeren Aufschub.

„In the past century, improved nutrition and health care have
decreased the age of biological maturity at the rate of three tenths of a year per decade [...]. Simultaneously, modernization of work has delayed the age of labor-force participation to ever later points in development [...]. Thus, secular changes in health and work have lengthened the duration of adolescence. The ensuing gap leaves modern teenagers in a 5- to 10-year role vacuum [...]. They are biologically capable and compelled to be sexual beings, yet they are asked to delay most of the positive aspects of adult life [...].“[8]

Diese, von Moffitt als ‘maturity gap’ bezeichnete Lücke zwischen biologischer und sozialer Reife führt dazu, dass Jugendliche dafür anfällig werden, delinquente Vorbilder nachzuahmen. So fällt der Wechsel auf eine weiterführende Schule meist genau in die Zeit, in der Jugendliche mit den unangenehmen Nachteilen der ‘maturity gap’ klarkommen müssen. Auf diesen Schulen erleben sie, wie die in verschiedenen Lebensphasen wiederholt Straffälligen sich entgegen der sozialen Ordnung verhalten.

„Healthy adolescents are capable of noticing that the few life-course-persistent youths in their midst do not seem to suffer much from the maturity gap. [...] Already adept at deviance, life- course-persistent youths are able to obtain possessions by theft or vice that are otherwise inaccessible to teens who have no indepen- dent incomes (e.g. cars, clothes, drugs, or entry into adults-only leisure settings). Life-course-persistent boys are more sexually experienced and have already initiated relationships with the opposite sex.“[9]

Es setzt nun ein Phänomen ein, dass Moffitt als ‘social mimicry’ bezeichnet. Den Begriff entlehnt sie aus der Verhaltensforschung, wo er kennzeichnet, dass eine Spezies das soziale Verhalten einer anderen, erfolgreicheren Spezies nachahmt. Als Beispiel dafür dient der Kuhstärling, der wie der Kuckuck seine Eier in fremde Nester legt. Die geschlüpften Kinder ahmen das Verhalten der Gleichaltrigen der anderen jeweiligen Art nach, um ebenfalls in den Genuss des von der Vogelmutter gebrachten Futters zu kommen. Die jugendlichen Menschen wählen die Gleichaltrigen als Vorbilder aus, die die aus der ‘maturity gap’ resultierenden Defizite durch delinquentes Verhalten kompensieren.

„If social mimicry is to explain why adolescence-limited delinquents begin to mimic the antisocial behavior of their life-course- persistent peers, then, logically, delinquency must be a social behavior that allows access to some desirable resource. I suggest that the resource is mature status, with its consequent power and privilege.”[8]

Bezogen auf Sweet Sixteen ergibt diese Theorie folgende Sicht: Während Stan die Rolle des ‘life-course-persistent peer’ erfüllt, fällt Liam in die Kategorie der ‘adolescence-limited delinquents’. Obwohl er den Stiefvater zutiefst hasst, ahmt Liam dessen Verhalten nach. An gleichaltrigen Vorbildern mangelt es ihm: Sein bester Freund Pinball leidet unter den gleichen Problemen, auch Night-Time und Sidekick erfüllen nicht die Voraussetzungen als role models. Stan dagegen demonstriert Liam, wie man einfach zu Geld kommen kann. Dass die beiden sich nicht leiden können, spielt dabei für den Mimikry-Prozess keine Rolle: „In this theory, adolescents who wish to prove their maturity need only notice that the style of life-course-persistents resembles adulthood more than it resembles childhood. Then they need only observe antisocial behavior closely enough and long enough to imitate it succesfully. [...] Neither perception need involve reciprocal liking between individuals.“[10]

Der Film bietet sogar Deutungen für Liams vorhergehende Entwicklung
an. Bei Moffitt heißt es:

„Consider that the behavior problems of the few pioneering antisocial children in an age cohort must develop on an individual basis; such early childhood pioneers lack the influence of delinquent peers (excepting family members).“[11]

Dieses Pionierverhalten legt Liam an den Tag; sein krimineller Lebenslauf beginnt ja nicht mit dem Verkauf von Heroin. Gleich die ersten drei Szenen des Film zeigen Liam als Initiator von Aktivitäten am Rande der Legalität: Jüngere Kinder aus der Nachbarschaft lässt er dafür bezahlen, dass sie für zehn Sekunden durch sein Fernrohr auf den Nachthimmel schauen dürfen. In Kneipen verkauft er Zigaretten ohne Konzession. Er sorgt für einen Zusammenstoß von einem LKW und einem parkenden Polizeimotorrad und stiehlt dem Polizisten den Helm. Diese Exposition in drei Teilen zunehmender Komik (aber auch Risikobereitschaft des Protagonisten) zeigt Liam als Rädelsführer. Er hat seinen Antrieb für antisoziales Verhalten individuell entwickelt; dies passt zu der Kindheit im Waisenhaus, bei der Liam gelernt hat, Gewalt als Mittel zur Verbesserung des sozialen Status zu gebrauchen. Gleichzeitig gibt es mit dem Stief-, dem Großvater und auch der Mutter gleich mehrere Verwandte, die als schlechte Vorbilder in Frage kommen. In ihrem dreiteiligen Abschnitt über das ‘adolescence-limited antisocial behavior’ beschreibt Moffitt nach der ‘maturity gap’ und der ‘social mimicry’ auch, dass negative Konsequenzen häufig antisoziales Verhalten eher noch verstärken. Mit Blick auf eine Untersuchung von Erikson Anfang der 60er Jahre heißt es bei Moffitt:

„For teens who become adolescence-limited delinquents, antisocial behavior is an effective means of knifing-off childhood apron strings and of proving that they can act independently to conquer new challenges.“[12]

Auch hier zeigen sich deutliche Kohärenzen zwischen Film und Theorie: Liam geht es darum, mit seinem antisozialen Verhalten „die Schürzenbänder der Kindheit abzuschneiden“ und unabhängig von seinen Erziehungsberechtigten handeln zu können. Auffällig ist hier aber, dass die Abnabelung vom Stiefvater darin besteht, dass Liam für seine Mutter sorgen möchte. Es ist eine ökonomische Sicherheit, die angestrebt wird — was sollte Liam, der schon lange nicht mehr zur Schule gehen darf, auch anderes versuchen, um seinen Stiefvater zu provozieren? Für den in einem mit vielen kriminellen Möglichkeiten ausgestattetem Milieu aufgewachsenen Jungen besteht die ungleich größere Rebellion darin, ein intaktes, spießiges Leben anzustreben.[13] Stan und auch Jean können ihm dieses Leben nicht geben:

„Stan: Tell him about the caravan. What did you say about it?
‘In the fucking middle of nowhere. Great!’
Jean: It wasn’t like that.
Stan: It was. Tell him what you fucking mean. Tell him the
fucking truth.
Jean: That is the truth.“ (01:36:18 bis 01:36:32)

Liam erfüllt einige Voraussetzungen, die ihn die Gruppe der nur in der Adoleszenzphase straffälligen Menschen einordnen lassen. Trotzdem muss man auch einige Gegenargumente anführen: Besitzt nicht auch Liam das Potential zu in mehreren Lebensphasen wiederholt auftretendem delinquenten Verhalten? Schließlich erfahren wir von seiner Schwester Chantelle, dass er sich als kleiner Junge schon mit Gleichaltrigen geprügelt hat, die ihn ob seines Status’ als Quasi-Waisenkind verspotteten. Das Gegenargument dazu ist, dass Liam im Film nicht notorisch oder grundlos antisozial agiert.

Er widersetzt sich Douglas’ Befehl, Pinball aus dem Verkehr zu ziehen; alle seine delinquenten Handlungen resultieren aus einer Motivation, die im vor- herigen Abschnitt als verschleppter Ödipuskomplex gekennzeichnet werden konnte. Eingestanden sei die Tatsache, dass diese Analyse nicht als Prädiktor für Liams weiteren Lebenslauf dienen kann; ein solches Ziel ist aber auch keine sinnvolle Absicht. Erfolgreich ist die Analyse dahingehend, dass sie brauchbare übereinstimmungen zwischen psychologischer Theorie und Filmtext sichtbar macht.

Fazit
In der Analyse von Sweet Sixteen entsteht sowohl in der Anwendung der psychoanalytischen Theorie als auch von Terrie E. Moffitts Studie über lebenslängliche sowie auf die Adoleszenzphase beschränkte Straffälligkeit ein Mehrwert. Bei der Untersuchung des ödipalen Komplexes Liams treten bemerkenswerte Übereinstimmungen, aber auch Variationen des Freud’schen Konzeptes auf. Unter letztere fallen die Verschiebung des Konflikts in die Pubertät sowie die scheinbar paradoxe Teil-Identifikation Liams mit seinem Stiefvater Stan. Hier lässt sich die Theorie Moffitts ansetzen, die das nachahmende Verhalten Liams durch eine ‘maturity gap’, also die Differenz zwischen biologischer und sozialer Reife erklärt. Gleichzeitig stellt Liams Wunsch nach ökonomischer Sicherheit einen rebellischen Vorgang gegen den Stiefvater dar, den dieser durch die Ablehnung dieser Ideale noch verstärkt. Weil Liam nicht grundlos delinquentes Verhalten zeigt, lässt er sich eher in die Gruppe der nur während der Adoleszenzphase Straffälligen einordnen. Das Konzept der ‘social mimicry’ erklärt, dass Liam seinen Stiefvater nachahmt.

Ein Grund dafür, dass sich psychologische Theorien so passgenau auf die Figur des Liam anwenden lassen, liegt auf der Hand: Loach und Laverty haben ihren Protagonisten nach realen Vorbildern gestaltet. Der Drehbuchautor kennt sich aus mit dem Ort Greenock: Laverty „had lived there while studying law. Over the years, he saw the prospects for young people in the area change dramatically.“[14] Seine Story entwickelte er nach vielen Gesprächen mit Jugendlichen, die in Liams Situation stecken könnten.[15] Es war dann auch von Loach konsequent, mit Martin Compston einen Laienschauspieler für die Rolle des Liam zu casten. Compston selbst „had no experience of the close-to-the-edge existence endured by Liam, but hat grown up surrounded by people who had.”[16] Auch Liams Mutter wird nicht von einer professionellen Schauspielerin dargestellt: „Michelle Coulter [...] had never previously acted but had experience of helping to rehabilitate women with drugs problems.“[11] Weiterhin bemüht sich Loach um echte Reaktionen von seinen Schauspielern; so wusste Compston nicht, dass er in der Szene, wo er einen Mann für Douglas abstechen soll, vorher daran gehindert werden würde.[17]

Mehr Untersuchungen dieser Art könnten einen weiter gefassten Blick auch auf andere Filme Loachs werfen. Das Problem des Drogenhandels unter Jugendlichen tritt auch bei Tommys Tochter in Raining Stones auf. Rebellisches Verhalten, das aus sozialen Spannungen resultiert, könnte sich auch bei Billy Casper, dem Protagonisten aus Kes , feststellen lassen.[18]

Die Schlussszene von Sweet Sixteen dagegen wird mehrfach mit einer Szene aus François Truffauts Film Sie küßten und sie schlugen ihn (Originaltitel: Les Quatre Cents Coups) von 1959 verglichen.[19] Darin flieht der junge Protagonist Antoine aus einem Heim für schwer erziehbare Kinder ans Meer; auch am Ende von Sweet Sixteen steht Liam an der Küste. Seine Zukunft aber scheint deutlich düsterer.

  1. Greve, Werner / Montada, Leo: Deliquenz und antisoziales Verhalten im Jugendalter. In: Entwicklungspsychologie. Hg. von Rolf Oerter und Leo Montada. 6. Auflage. Weinheim / Basel 2008, S. 837-858, S. 858. []
  2. Uneindeutig äußerte sich Freud zum Elektra-Komplex; also dem Fall, dass ein Mädchen sich in seinen Vater verliebt. Diese Variante lasse ich aufgrund der Irrelevanz in Bezug zum Film aus. Es muss auch darauf verwiesen werden, dass Freuds Theorie bis heute sehr viele Kritiker gefunden hat: Das Verhältnis zwischen wissenschaftlicher Rezeption (ist sehr zurückgegangen) und der Popularität der Theorie (hat stark zugenommen) ist in Schieflage geraten. Für einen ausführlicheren Einstieg in das Gebiet der Psychoanalyse empfehle ich folgendes Lehrbuch: Persönlichkeitspsychologie. Hg. von Lawrence A. Pervin, Daniel Cervone und John P. Oliver. München 2005. []
  3. Es sei darauf verwiesen, dass der Film offen lässt, ob Stan an der Verletzung stirbt oder nicht. Oliver Hüttmann nennt Liam im Spiegel einen „Mörder“ — eine Überinterpretation, die wohl eher der Dramatisierung von Hüttmanns Rezension dient als einer angemessen Besprechung des Films. Vgl. Hüttmann, Oliver: „Sweet Sixteen“. Das Ende aller Träume. In: Der Spiegel ‹http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,254972,00.html›. Datum des Zugriffs: 31.08.2009. []
  4. Ich gebe mit jeweils von Doppelpunkten getrennten zweistelligen Ziffern Stunden, Minuten und Sekunden an. []
  5. Es muss aber angefügt werden: Die Anstellung im Call-Center stellt für Liam keine wirkliche Möglichkeit dar. Es wäre ein Job, der seinen Talenten und Fähigkeiten als Unternehmer nicht gerecht würde. Dies ist dem Zuschauer klar, obwohl die unwürdige Bezahlung, die solche Arbeitsstellen meist mit sich bringen, im Film nicht explizit erwähnt wird. Hans-Dieter Seidel äußert sich in seiner Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dazu eindeutig: „Wie verführerisch zum Beispiel wäre es gewesen, den Weg, den Liams nur zwei Jahre ältere, aber mindestens doppelt so erwachsene Schwester Chantelle geht, zum Ausweg zu verklären.“ (Seidel, Hans-Dieter: Wo Illusionen niederbrennen: „Sweet Sixteen“ von Ken Loach. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung ‹http://www.faz.net/s/Rub8A25A66CA9514B9892E0074EDE4E5AFA/Doc~EDCE94D64AF2A4A31B5EB0E0ED901EC59~ATpl~Ecommon~Scontent.html›. Datum des Zugriffs: 01.09.2009.). Rolinson zieht Parallelen zwischen der „mise-en-scène“ und Liams eingeschränkten Möglichkeiten (vgl. Rolinson, Dave: Sweet Sixteen. In: The Cinema of Britain and Ireland. Hg. von Brian McFarlane. London 2005, S. 251–259, S. 251f.). Hayward zitiert den Drehbuchautor Paul Laverty: „I was very interested in the choices teenagers were facing and making, [...] especially in that area, because jobs were crap — either service industries or retail, like McDonald’s [...]“ (Hayward, Anthony: Which Side Are You On? Ken Loach and his films. London 2005, S. 255). []
  6. Seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Psychologie demonstriert hat Loach bereits mit den Filmen Family Life (UK 1971) und Black Jack (UK 1979), in denen er sich intensiv mit psychologischen Krankheitsfällen auseinander setzt. []
  7. Vgl.: Moffitt, Terrie E.: Adolescence-Limited and Life-Course-Persistent Antisocial Behavior: A Development Taxonomy. In: Psychological Review 100 (1993), S. 674-701. []
  8. Ebd., S. 686. [] []
  9. Ebd., S. 687. []
  10. Ebd., S. 687f. []
  11. Ebd. [] []
  12. Ebd., S. 688. []
  13. Mit dieser Erkenntnis kann man Loach und Laverty eine gewisse Selbstironie zusprechen: Sie scheinen zu erkennen scheinen, dass ihre gemeinsamen Filme eher außerhalb Groß-Britanniens und nicht so sehr in dem Milieu ihrer Protagonisten gesehen werden (vgl. Rolinson, Dave: Sweet Sixteen, S. 258). In dem linksliberalen, gebildetem Milieu ihres Publikums ist Spießigkeit verpönt. []
  14. Hayward, Anthony: Which Side Are You On? S. 256l []
  15. Vgl. ebd. []
  16. Ebd., S. 257. []
  17. Vgl. Rolinson, Dave: Sweet Sixteen, S. 255f. Vgl. auch: Hayward, Anthony: Which Side Are You On? S. 257f. []
  18. In der Medienrezeption werden viele Parallelen zwischen Liam und Billy, der vor allem im Gedächtnis der britischen Filmkritiker noch sehr präsent zu sein scheint, gezogen. Vgl. Bradshaw, Peter: Sweet Sixteen. In: The Guardian ‹http://www.guardian.co.uk/culture/2002/oct/04/artsfeatures4›. Datum des Zugriffs: 31.08.2009. Vgl. auch Murray, Angus Wolfe: Sweet Sixteen. In: Eye For Film ‹http://www.eyeforfilm.co.uk/reviews.php?film_id=9396›. Datum des Zugriffs: 31.08.2009. Vgl. auch French, Philip: Brawny and Clyde. Ken Loach brings the menace of Mean Streets to Scotland. In: The Observer ‹http://www.guardian.co.uk/film/2002/oct/06/philipfrench›. Datum des Zugriffs: 31.08.2009. Vgl. auch: Mottram, James: Sweet Sixteen Review. In: Channel 4 ‹http://www.channel4.com/film/reviews/film.jsp?id=108954&section=review›. Datum des Zugriffs: 31.08.2009. []
  19. Vgl. Winter, Jessica: Melancholy Babies. In: Village Voice ‹http://www.villagevoice.com/2003-05-13/film/melancholy-babies/1›. Datum des Zugriffs: 31.08.2009. Vgl. auch Zinsmaier, Markus: Sie küssten und sie schlugen ihn. In: Die Zeit ‹http://www.zeit.de/2003/27/SweetSixteen?page=all›. Datum des Zugriffs: 31.08.2009. Vgl. auch Tobias, Scott: Sweet Sixteen. In: A.V. Club ‹http://www.avclub.com/articles/sweet-sixteen,5635/›. Datum des Zugriffs: 31.08.2009. []
Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Kilian Haller, Jahrgang 1985, ist Gründer des Loach-Journals und in der Chefredaktion tätig. Aktuell studiert er Neuere Deutsche Literatur und Medienwissenschaften, Psychologie und Informatik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Von Frühjahr 2006 bis 2009 arbeitete er in der Chefredaktion des Online-Kultur-Magazins Magagin. Seit Juli 2010 ist er Chefredakteur bei der Kieler Studentenzeitung DER ALBRECHT.
eMail an den Autor | Alle Artikel von Kilian Haller

Kommentieren Sie den Artikel

Sie müssen eingeloggt sein um einen Kommentar zu schreiben.